Bei der Behandlung von Rhythmusstörungen setzen Ärzte oft auf Elektrizität statt auf Medikamente
Der blaue Stoff bedeckt Wolfgang K. bis zum Hals. Das OP-Tuch gibt nur seine Leisten frei. Dort hat die Kardiologin Ellen Hoffmann den 24jährigen Studenten viermal punktiert und ihm über diese Zugänge vier Katheter entlang der Blutbahn ins Herz geschoben. Wolfgang K. liegt im Herzkatheterlabor der Münchner Universitätsklinik Großhadern. Er nimmt alles wahr, denn er ist nicht narkotisiert. Nur die Haut seiner Leisten ist betäubt. Er dreht den Kopf und sieht auf einem Röntgenmonitor die Bewegungen der Katheter: Es tut nicht weh. Nur wenn die Drähte an der Herzwand entlangschaben, kitzelt es ein wenig.
Ellen Hoffmann blickt abwechselnd auf den Röntgenmonitor und auf die beiden Bildschirme daneben. Dort leuchten rote, gelbe und blaue Kurven der elektrische Herzstrom, der von den Kathetern abgeleitet wird, das Elektrokardiogramm (EKG). Wolfgang K. ist krank, obwohl er das Herz eines durchtrainierten Ausdauersportlers besitzt. Doch manchmal spielt das Organ verrückt. Winzige Anomalien der Herzstruktur lassen seinen Pulsschlag steigen, aus heiterem Himmel. Letzte Woche hatte ich plötzlich einen Puls von 202, und das anderthalb Stunden lang. Das ist dreimal so schnell wie normal nicht lebensgefährlich, aber belastend. Es fühlt sich an, als ob mir jemand kräftig auf die Brust schlägt, sagt Wolfgang K.
Neben Chefarzt Gerhard Steinbeck kümmern sich fünf Spezialisten an der Medizinischen Klinik I fast täglich um Menschen mit tachykarden Herzrhythmusstörungen. Mehr als 300 werden jedes Jahr geheilt, nicht mit Medikamenten, sondern mit Elektrizität. Schon Anfang der 90er Jahre kurz nachdem amerikanische Kardiologen damit begonnen hatten, Rhythmusstörungen mit Hochfrequenzstrom zu behandeln übernahmen die Großhaderner Ärzte das Verfahren der Ablation (Abtragen). Heute ist die Medizinische Klink I eines der größten deutschen Ablations-Zentren.
Längst kennen die Ärzte die genauen Gründe für ein hastiges Herz: Wie viele Vorgänge im Körper beruht das Zusammenspiel in der Muskelpumpe auf elektrischen Signalen. Impulsgeber der Herzaktion ist ein Zellhaufen, der spontan seine Spannung verändert: der Sinusknoten. Von dort aus durchzieht verästelt wie ein Laubbaum eine Leitungsbahn das Organ. Durch sie breitet sich jede Spannungsänderung in weniger als einer Sekunde aus. Hat die Erregung eine Muskelzelle erreicht, zieht sie sich zusammen; schließlich zuckt das ganze Herz und erzeugt einen Pulsschlag.
Manchmal sind die Äste des Leitungsbaumes aber nicht vollständig getrennt. Zusätzliche Bahnen erzeugen Kurzschlüsse, und so kann derselbe Impuls den Herzmuskel immer wieder umrunden. Die Folge: Die Pulsfrequenz schießt in die Höhe. Das gleiche kann passieren, wenn neben dem Sinusknoten als natürlichem Impulsgeber ein anderer Zellhaufen die Spannung ändert. Gewinnen die Stromstöße des Konkurrenten kurzzeitig die Oberhand, kann sich die Herzfrequenz erhöhen. Ich habe wieder Herzrasen, berichten die Patienten dann.
Wolfgang K. hat einen zweiten Impulsgeber. Ihn gilt es zu finden und auszuschalten. Die Großhaderner Ärzte schieben dazu Katheter ins Herz, orten damit die zusätzlichen Leitungsbahnen oder Erregungszentren und veröden diese mit gezielten Stromimpulsen. Gelingt die Ablation, sind die Patienten sofort geheilt; bei mehr als 90 Prozent ist das Verfahren in der ersten Sitzung erfolgreich.
Die Behandlung dauert zwei bis vier Stunden ein Augenblick nur, verglichen mit einer lebenslangen Arzneitherapie. Völlig ungefährlich ist das Verfahren allerdings nicht, verlangt es doch äußerste Präzision. Veröden die Ärzte das Gewebe an der falschen Stelle, so kann dabei die normale Reizleitung unterbrochen werden; der Patient bräuchte dann einen Herzschrittmacher.
Manchmal ist es auch schwierig, die Anomalien in dem Organ überhaupt aufzuspüren. Seit etwa drei Jahren können sich die Ärzte aber auf CARTO verlassen. CARTO ist ein System, das mit Radartechnik und Magnetfeldern eine bunte, dreidimensionale Graphik des Herzens errechnet, die den Weg des Stroms durch das Organ illustriert: Rot ist die Computersimulation dort, wo der Impuls entsteht, sie wird gelb, grün und dort, wo das Herz zuletzt erregt wird, ist sie blau.
Als Ellen Hoffmann überzeugt ist, einen der Katheter an die richtige Stelle gebracht zu haben, gibt sie das Zeichen: Jetzt abladieren wir. 30 Watt legt die Kardiologin an schon die doppelte Leistung läßt eine Glühbirne hell leuchten. Wolfgang K. spürt nicht, wie der Strom durch den Draht in sein Herz fließt. Er merkt nur, daß es warm wird im Brustkorb. Die Wärme zerstört das fehlerhafte Gewebe. 60 Grad reichen aus, erklärt Hoffmann. Übrig bleibt eine kleine Narbe. Einige Male spürt Wolfgang K. die Wärme. Doch unangenehmer sei der kalte Op-Tisch, sagt er. Noch ein Tag im Bett, dann beginnt ein neues Leben ohne Angst vor einem rasenden Herzen.
Lebensretter in der Brust
Nicht alle Rhythmusstörungen sind jedoch per Ablation heilbar. Denn nicht immer sind Anomalien die Ursache. Bei manchen Patienten haben Infarkte Narben hinterlassen, bei anderen sind Herzkranzgefäße verstopft oder Entzündungen haben das Organ geschädigt. Um diese Patienten kümmern sich drei Ärzte des Teams von Gerhard Steinbeck. Günter W. ist ein solcher Patient. Seine Rhythmusstörungen sind nicht nur unangenehm. Sie können töten.
Sein rechter Mundwinkel hängt leicht nach unten, er spricht undeutlich, Folgen eines 1991 erlittenen Schlaganfalls. Vier Jahre später, nach einem Anfall von Herzrasen mit Atemstillstand, lag er im Klinikum: Vier Herzinfarkte, der Schlaganfall und die Angst vor den Rhythmusstörungen waren zuviel. Ich wollte nicht mehr. Aber meine Frau hat mich überredet, es machen zu lassen.
Es das war die Implantation eines silberfarbenen Titankästchens, so groß wie eine Zigarettenschachtel, aber vom Wert eines Mittelklassewagens. Defibrillator nennen die Ärzte den Lebensretter in der Brust, der Mikrochips, Kondensatoren und Batterien enthält. Wieder ist es elektrischer Strom, der den Herzschlag diszipliniert diesmal jedoch nicht in Form einer Heizung, wie sie bei der Ablation fehlerhaftes Gewebe zerstört. Defibrillatoren erzeugen nur kurze Impulse, wobei kaum Wärme entsteht.
Oft werden Defibrillatoren mit Herzschrittmachern verwechselt. Diese elektrischen Helfer sind älter den ersten bekam vor gut 40 Jahren, am 8. Oktober 1958, der Schwede Arne Larson implantiert. Schrittmacher stimulieren das Herz mit Stromstößen, die die natürliche Erregung ersetzen und den Herzschlag auslösen. Defibrillatoren geben stärkere Impulse ab schließlich müssen sie einen natürlichen, aber falsch geleiteten Impuls wieder in richtige Bahnen lenken. Denn Narben, wie sie etwa die Infarkte in Günter W. s Herz hinterlassen haben, verhindern, daß sich der natürliche Strom des Sinusknotens normal ausbreitet. Verfängt sich der Strom an einer solchen Stelle, rast er kreuz und quer. Ein geordneter Herzschlag ist nicht mehr möglich, der Kreislauf bricht zusammen.
Doch vorher erkennt der Defibrillator die Gefahr. Bruchteile von Sekunden später leitet er die vierfache Steckdosenspannung zum Herzen. Dieser Augenblick sei schlimm, sagt Günter W. . Dann ist er angespannt, seine Augenlider zucken und er wird heftig durchgeschüttelt: Es ist, als ob ich eine Stromleitung anfasse. Andere vergleichen es mit einem Pferd, das auf den Brustkorb tritt. Der Schlag paralysiert alle Herzmuskelzellen. Nach ein, zwei Sekunden erwacht der Sinusknoten als erster aus der Ohnmacht. Er übernimmt die Führung, das Herz schlägt wieder regelmäßig.
Nur jeder Hundertste mit lebensgefährlichen Rhythmusstörungen stirbt daran, wenn er einen Defibrillator trägt; ohne das Gerät wäre es einer von fünf. Dennoch hat Günter W. Angst vor dem nächsten Mal. Wieder werden die Beschwerden unvermittelt kommen vielleicht beim Rasieren, vielleicht in zwei Wochen beim Spazierengehen. Doch größer als die Angst ist sein Vertrauen: er weiß, der kleine Stromkasten wird ihn retten.
RALPH MÜLLER-GESSER
Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis des Autors